Blind in Facebook unterwegs

Dieter ⌂, Hattingen, Wednesday, 13. September 2017, 11:59 (vor 92 Tagen)

Mit Facebook trotz Blindheit in die Welt schauen
Über Facebook gibt es in unserer Gesellschaft viele kontroverse Meinungen. Die ungefragte Verbreitung persönlicher Daten und Fotos bewirkt bei vielen Menschen Unbehagen und gibt diesen das Gefühl einer verletzten Privatsphäre. Daran sollten alle Hobbyfotografen denken, die Fotos mit fremden Personen ins Netz stellen. Wer sich jedoch bei Facebook anmeldet, der ist selbst neugierig auf andere Menschen und dürfte beim Veröffentlichen seiner eigenen Daten und Bilder nicht überempfindlich sein. Facebook bedeutet sehen und gesehen werden. Aber was macht dann ein Blinder auf dieser Sozialplattform?
Ich bin aufgrund meiner Erblindung zum Schreiben gekommen. Blindheit und Schreiben stehen nicht im Widerspruch zueinander. Der Weg in eine Erblindung ist ein echtes Abenteuer und mit Abenteuern lassen sich bekanntlich Bücherfüllen. Blinde Autoren schreiben heutzutage überwiegend mit dem Computer - mit Sprachausgabe - versteht sich. Um mich mit anderen Autoren austauschen zu können, suchte ich schon vor Jahren im Internet die entsprechenden Foren auf. Während Facebook immer aktueller wurde, ließ die Kommunikation in den Autorenforen deutlich nach. Wer kreativ arbeitet, muss zuhören, hinsehen, sich austauschen. Die Websites der meisten Foren sind nicht barrierefrei und für blinde Computeranwender mit einem Screen-Reader nur schwer zugänglich. Um auf den wichtigsten Seiten navigieren zu können, habe ich mich von einem äußerst geduldigen Studenten trainieren lassen. Mit diesem Wissen und einiger Erfahrung öffnete ich eines Tages die Facebook-Seite. Meiner ScreenReaderStimme verschlug es sogleich die Sprache. Die Unübersichtlichkeit War überwältigend. Obwohl ich der geborene Autodidakt bin, musste ich den geduldigen Studenten erneut engagieren. Dieser öffnete am Computer statt der prall gefüllten Standardseite die deutlich übersichtlichere Seite m.facebook.com für das Smartphone. In dieser Struktur fand sich der Screen-Reader besser zurecht und ich konnte zum ersten Mal in die Welt hineinhören, üaber die alle Welt sprach. Als mir dann endlich Bekannte und Freunde begegneten, wagte ich ein paar Worte zu posten. Auch meine Autorenkollegen vom EPV-Verlag nahmen mich gleich in ihrer Gruppe auf. So manchen Text, den ich zu Anfang mutig posten wollte, habe ich gar nicht mehr wiedergefunden. Wer weiß, wo Facebook den untergebracht hat. Das Verfolgen von Kommentaren ist für Sehende ein Vergnügen. Da wird einfach ruckzuck von oben nach unten geskrollt. Der Screen-Reader-Anwender muss jedoch Zeile um Zeile über die gesamte Seite tippen, um dann nach Minuten festzustellen, dass ein Kommentator nur einen Smiley gepostet hat. Wie lustig!
Aber Facebook arbeitet an seiner Barrierefreiheit. Neuerdings habe ich die Facebook-APP am iPhone getestet. Die ist auch für Screen-Reader leicht bedienbar. Sogar Fotos werden so beschrieben, dass ich als Blinder einen kleinen Eindruck von dem Thema der Darstellung bekomme. Zum Posten benutze ich also die Website, zum Lesen bzw. Hören die APP.
Fazit: Facebook bietet sicherlich oft zu tiefe Einblicke in private Bereiche, aber Facebook ermöglicht auch Blinden einen Blick in die weite, weite Welt. Bei optimaler Dosierung ist diese Sozialplattform sehr nützlich.


gesamter Thread:

 

powered by my little forum